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„Spuren im Hain“


Ein Hain – ein kleiner Wald – irgendwo. Für mich bekam dieses Wort „Hain“ eine besondere Bedeutung, als ich 1993 die Möglichkeit hatte, einige Wochen bei den Mari (Tscheremissen) an der Wolga in Russland etwa 800 Kilometer östlich von Moskau zu verbringen und die Mythen, religiöse Riten, Gewohnheiten und Sitten dieses Volkes kennenzulernen.

Der Hain ist für die Mari nicht nur ein kleiner Wald, sondern ein heiliger Ort ihrer Naturreligion. Auf meiner Wanderung in diesen Orten war es sehr einprägsam für mich die Hingabe eines Dorfältesten zu erleben. Er kniete sich nieder vor den heiligen Bäumen – es war wie Beten mit voller Verehrung der Natur. Das öffnete meine Augen für die spirituelle Dimension der Natur – für das innewohnende Göttliche. Für die Mari ist alles durch das Göttliche durchdrungen: die Bäume, die Tiere, die Menschen, die Gegenstände, … Für mich ist ihre Naturreligion im Laufe der Jahre der Beschäftigung damit eine Naturphilosophie – Liebe zu der Weisheit der Natur – geworden.

Beten im Hain

 

Dort in den heiligen Hainen der Mari durfte auch ich meine Spuren hinterlassen, jedoch darauf achtend, dass der Mensch in diesen Hainen nichts verändern darf. Ich erfuhr auch, dass in diesen Orten Opferhandlungen für die Naturgottheiten durchgeführt werden. Es werden dort Tiere geschlachtet und als Opferspeise vorbereitet. Dabei rebellierte es in mir als überzeugter Vegetarierin – eher schon veganer Mensch. Es kann doch nicht sein, dass solche Opferhandlungen in diesen wunderbaren Naturorten stattfinden. Töten?

Ich kam von der Reise nach Hause. Die Opferhaine waren mir sehr präsent. „Wie wäre mein Opferhain?“ Das fragte ich mich. Es vermischten sich verschiedene Ebenen des Erlebten während der Reise und danach: Es war die Ruhe und die Natur der Haine, die ich erleben durfte. Es waren besonders die Haine mit den Laubbäumen. Die Laubbäume in der Mythologie der Mari sind Bäume für die höheren Gottheiten, während die Nadelbäume eher für die niederen Gottheiten, die besänftigt werden müssen, da sind. Außerdem ist es in der alten Überlieferung den Frauen nicht erlaubt, in die Opferhaine mit den niedrigen Gottheiten mit den Nadelbäumen zu gehen.

Also wollte ich, dass mein Hain etwas Lichtvolles ist. Aber wo und wie sollen die Bäume her? Schwere Stämme? (Zu der Zeit war ich müde, schwere Bilder von einer Ausstellung zu der anderen zu schleppen.) Und was „sprechen“ die Bäume? Von den Mari erlebte ich nicht nur die Haine, sondern viel mehr von ihrem Leben. Mich faszinierte ihre Kleidung mit den Stickereien – meist mit rotem Garn auf weißen Leinenstoff. Besonders waren es die Stickmuster, die mich ansprachen. Sie kopierte ich täglich und in dem Tun öffnete ich ihre visuelle Sprache in diesen Stickereien. Ich nahm mehr und mehr von der Weisheit dieses Volkes in mich auf. Das war sicherlich derselbe Prozess, den die jungen Mari-Mädchen durchmachten, als sie das Sticken unter der Anleitung der Großmutter lernten.

 Stickereimuster   

Es war die Pflicht einer Mari-Frau, jedem der Verwandten des zukünftigen Bräutigams ein besticktes Hemd zu schenken. Aufgrund der Qualität der Stickerei wurde die Güte der Frau festgestellt. Also sehr jung anfangen und täglich üben. Auch ich fing mit den Kindesbeinen an zu zeichnen. Es begleitet mich, seit ich mich erinnern kann. Ich hatte wohl eine eigene, etwas ungewöhnliche Art zu zeichnen, da ich mich sehr gut daran erinnern kann, wie meine Schwester sich über meine Art des Zeichnens lustig machten – und es ein Grund der allgemeinen Erheiterung in der Familie war.

Nun zurück zu den Bäumen und zu der Stickerei der Mari-Frauen. Ich war von dieser Stickerei angezogen und langsam verstand ich mehr und mehr von der Vermittlung der philosophischen Grundlagen dieses Volkes über diese visuellen Zeichen. Bei den Mari gab es ein überliefertes Wort, dass sie ihre eigene Kleidung nicht ablegen dürfen, da diese Kleidung auch das Bestehen des Volkes und der Kultur aufrecht erhält. Es war die Sitte bei den Mari, dass sie zu den Opferfesten in den Hainen in ihrer eigenen traditionellen Kleidung kamen. Vor meinen Augen öffnete sich das Bild des Festes: die Bäume, die Menschen in dieser bestickten Kleidung – das ist die Kirche der Naturreligion der Mari und die Stickereien bildeten die Kirchengemälde, sprachen leise visuell von den Spuren dieses Volkes, während die Opferpriester die alten Gebete stundenlang rezitierten.

Diese visuellen Spuren in dem Hain wollte ich festhalten. Es waren nicht die Bäume, sondern die Stille der visuellen Sprache von Generationen, dieses alltägliche Heilige in dem Leben dieser Menschen. Und was kann das alltäglich Heilige sein? Gibt es das in meinem Leben?

Was ist meine Stickerei und auf welchem Grund? Ein gekaufter Leinenstoff? Nein, das kann es nicht sein. Ein Stück Papier? Ich suchte nach Spuren meines Lebens, die den Grund bilden können. So komme ich wieder zu dem Gedanken des Opfern in diesen Hainen ... das Opfern wurde für mich zum Zermalmen von vielen Stücken meines Kunstwerdens: Skizzen, Drucke, ´Zeichnungen … Das ist es, was in mir gewachsen und geworden ist und nicht etwas, was ich in einem Geschäft kaufen kann. So fand ich den Grund - „Blätter“ des vergangenen Werdens wie Jahresringe in den Bäumen – nun in einer neuen Form. So schreibt sich das neue Werden seine Spuren -ja bis heute und immer wieder.

Werden

 

 


Ein Bild spricht - es spricht mit den Farben udn Formen. Und wessen Sprache spricht es?